Sternenwanderer

Klassiker-Rezension: Herz des Reiches

Advertisements
Ritter, Gardisten, Bettler: In Gareth ist immer viel los.

Angesichts der Tatsache, dass DSA 4 langsam seiner Ablösung durch die 5. Edition entgegen geht – der Betatest beginnt im Mai 2015 – wage ich nochmal ein paar Blicke zurück. Einige Bücher der bisherigen Version haben sich im Lauf der Zeit auch in meinen Bücherschrank „verirrt“. Ob sie bis zum Erscheinen ihrer Nachfolger einer Anschaffung lohnen, kläre ich mit dieser kleinen Reihe. Los geht es mit dem Band zum zentralen Mittelreich.

Herz des Reiches – Garetien, Almada und die Kaiserstadt Gareth

Seitenzahl: 224, dazu mehrere heraus nehmbare Karten: Garetien und Almada (in Farbe), Gareth und die Dämonenbrache (mit viel unnatürlichem Lila bei den Dämonen), unbeschriftete Pläne von Gareth und Punin (in Farbe), beschriftete Stadtpläne und Plan der Grafschaften im zentralen Mittelreich (schwarz-weiß)

Preis: 30,- Euro

Cover und Illus

Wir sehen vorn ein Stadttor, bewacht von zwei Garether Gardisten mit dem Stadtwappen. Im Hintergrund nähert sich, durch eine Straße kommend, eine Gruppe Ritter. An den Seiten stehen neugierige Zuschauer vor ihren Häusern, an einer Ecke sitzt ein Bettler. Im Hintergrund erheben sich, kaum noch zu erkennen, hohe Türme. Damit verbinden sich mehrere zentrale Elemente des Buchs auf einmal im Bild: Adel und Bürgertum, Armee und Städte des Mittelreichs an sich. Das passt ausgezeichnet zum Inhalt.

Innen finden sich schwarz-weiß Bilder unterschiedlicher Qualität. Während einige aus etwas stärker als bei Skizzen ausgearbeiteten Strichen bestehen, gibt es andere, die graue Schattierungen aufweisen. Einige wenige liegen dazwischen, sind aber etwas dunkel geworden, sodass beispielsweise Brustharnische ob ihrer puren Schwärze keine Details mehr verraten. Manches ist aus anderen DSA-Publikationen bekannt, wie die Fassadenkletterin des „Wege des Schwerts“. Komplett unbrauchbare oder hässliche Illustrationen sind mir nicht aufgefallen. Da habe ich schon schlechtere Vertreter dieser Zunft erspäht.

Trotz der Schwächen im Innern vergebe ich noch 4 von 5 Sterne, wobei es eher 3,7 denn 4,0 sind – aber wie bei DSA runde ich auf.

 

Formalia und Aufbau

Das Inhaltsverzeichnis kommt mit einer guten, halben Seite aus. Allerdings hätte ich mir mehr Unterteilungen gewünscht. So finden sich zwar Einträge zu den Vierteln Gareths, aber nicht deren Bezirken. Bei 42 1/2 (!) Seiten Stadtbeschreibung fällt das Aufstöbern des gewünschten Bereichs da, trotz Index, mitunter schwer. Das Layout dürfte mittlerweile jedem DSA-ler bekannt sein. In grau hinterlegten Kästen finden sich Zusatzinfos zu bestimmten Themen, z.B. Anekdoten zu den Marotten verstorbener Kaiser. Es gibt viele Kästen, die beispielsweise die Gebäude in Gareth und Punin nach Funktionen auflisten. Diese gleichen oben genanntes Manko zumindest in Teilen aus. Allerdings springen neue Kapitel nicht immer sofort ins Auge. Mir ist es beim Vorblättern passiert, dass ich mehrmals den Beginn der Gareth-Beschreibung übersah, da dieser auf der Rückseite einer nahezu vollständig beschriebenen Seite steht und nur ein kleines Bild mitbringt.

Wegen der kleinen Übersichts-Mängel gibt es abermals 4 Sterne.

 

Das zentrale Mittelreich

Jetzt aber zum Inhalt. Los geht es mit dem Vorwort. Darauf folgt die Vorstellung von Landschaft, Klima, Flora und Fauna. Das nach Jahrtausenden der Besiedlung nur noch wenige Wildtiere übrig sind, überrascht nicht. Dafür verwundert mich, dass hier gleich die Region im Spiel thematisiert wird. Dieses Kapitel wäre am Schluss sicher besser aufgehoben gewesen, wenn sich der Leser bereits Überblick und Ideen verschafft hat. Praktischer sind da Angaben zum Reisen, darunter relativ bequem auf den Reichsstraßen II, III und VI, und der mittelalterlichen, pardon, mittelreichischen Stadt an sich. Anmerkungen zu den Besonderheiten von Stadt-Abenteuern gehören dazu – und dürften manchem Meister gute Dienste leisten.

Weiter geht es mit der Geschichte des Reiches. Diese beginnt mit der Schreckensherrschaft Hela-Horas und endet mit den Thronstreitigkeiten, die zwischen Rohaja und Selindian nach dem Jahr des Feuers ausbrachen. Ein allgemeiner Überblick über das zentrale Mittelreich, seine Stände, wichtigsten Adelsfamilien und Truppen folgt. Nach dem Jahr des Feuers ist die zentrale Reichsgewalt praktisch vernichtet, die lokalen Adligen besitzen wieder mehr Freiheiten. Es geht rauer zu, z.B. halten die Adligen in Hartsteen gern Orks als Sklaven. Danach spaltet sich der Band.

Zunächst wird Garetien im Detail beschrieben. Warum jener Teil der Geschichte, der vor Bosparans Fall stattfand, hier steht, bleibt fraglich. Angaben vom Alltagsleben gehen der umfangreichen Beschreibung Gareths voraus. Die Großstadt wird in verschiedene Viertel und Bezirke unterteilt – oder umgekehrt, da bin ich nicht sicher. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt: Tempel aller Götter, zwei Magierakademien, die ramponierte Stadt des Lichts und eine verseuchte Dämonenbrache liegen nur wenige Meilen auseinander. Warum offenbar niemand versucht (hat), die Brache einzudämmen, erschließt sich mir allerdings nicht. Eine Übersicht einflussreicher Patrizier-Familien, Gilden und Banden rundet die Stadt ab.

Darauf geht es mit Almada weiter. Auch hier folgt wieder eine Geschichtsstunde, die eigentlich im allgemeinen Überblick am Anfang abgefrühstückt gehört. Der Almadaner ist lebensfroh und streitlustig. Praktisch jede Gruppierung des Landes liegt mit mindestens einer andern Gruppe im Streit. Allerdings gibt es in Almada auch eine ungewohnte Vielseitigkeit an Religionen. Statt den Zwölfgöttern verehren einige Einwohner Rastullah, was gelegentlich zu unschönen Zusammenstößen führt. Punin besitzt ebenfalls eine umfangreiche Beschreibung, die berühmte Akademie sogar auf anderthalb Seiten. (Das war Jahre vor den Akademie-Bänden.) Darauf folgen Selindian Hals Hofstaat und mächtige Adelsfamilien Almadas.

Wegen gewisser Logik-Lücken lasse ich 4 Sterne übrig.

 

Sonstiges

Ebenfalls vorgestellt werden die Zahori (Zigeuner), die mit ihren Wagen durch das südliche Aventurien ziehen. Abgesehen davon – und einem gewissen Unverständnis für Privat-Besitz – unterscheiden sie sich allerdings nicht vom gewöhnlichen Almadaner. Weitere Völker des zentralen Mittelreichs werden kurz erwähnt, bevor die obligatorischen Persönlichkeiten und Geheimnisse für den Meister Gewehr bei Fuß stehen.

Ein gewisses Problem des Settings ist die Möglichkeit des Spielleiters, den Konflikt zwischen Selindian und seiner Schwester zwischendurch hochkochen zu lassen. Das klingt zwar interessant, aber hinterher muss alles wieder auf Ausgangsstellung, da keine der Seiten an einem Bürgerkrieg (zusätzlich zu Albernia gegen Nordmarken) interessiert ist. Der Metaplot sieht dies auch nicht vor, und weitere Veränderungen im zentralen Mittelreich würden sich zwangsläufig darin niederschlagen. Mittlerweile hat Selindian ja das Zeitliche gesegnet, sodass das gute halbe Jahrzehnt an Streit keine langfristigen Folgen aufzuweisen scheint.

Aufgrund dieser Schwäche gebe ich dem Rest nur 3 Sterne.

 

Fazit

Ist Herz des Reiches ein guter Regionalband? Es geht. Das liegt daran, dass Garetien und Almada stark im Metaplot integriert sind. Wer sich nicht besonders für die übergeordnete Geschichte, den am Ende halb ausgefallenen Konflikt zwischen den Geschwistern oder Meisterfiguren interessiert, hat nicht ganz so viel von ihm. Ohnehin ist ein tieferes Eintauchen in die gesellschaftliche Realität und Lebensweisen der Stände notwendig, um die vielen Infos zu selbigen wirklich einbauen und nutzen zu können. Für ein paar Zwischenstopps in Punin oder Gareth lohnt er sich nicht, vor allem seit Erscheinen der Gareth-Box.

Mit 15 von 20 Sternen Endstand schlägt das Herz insgesamt gut.

Advertisements