Sternenwanderer

Rezension: Exalted Second Edition

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Sind die Helden des Buchs: Auserwählte der Sonne, auch Solars genannt, mit ihren Waffen aus Orichalkum.

Wenn Rollenspiele ihre Entstehungskosten einspielen oder gar Gewinn erwirtschaften, werden sie mit zusätzlichen Bände erweitert. Nach einigen Jahren überarbeiten die Autoren die Regeln, um das gewachsene Gesamtwerk besser zu berücksichtigen, Kritik zu begegnen und neue Ideen umzusetzen. Einige dieser Neuauflagen sind älteren Editionen überlegen, Andere nicht. Exalted ging 2008 in die 2. Edition über. Nächstes Jahr soll Nummer drei erscheinen. In wieweit sich das Grundregelwerk sich auf ihre Vorgängerin berufen oder lieber zur 1. zurückkehren sollte, lege ich hier da.

Exalted – Second Edition

Umfang: 400 Seiten, davon 3 für den Index, zweiseitige Karte im Umschlag

Preis: 19,99 Euro für die pdf-Version, gedruckt und gebraucht je nach Angebot

Cover und Illustrationen

Die Vorderseite ziert eine typische Heldentruppe aus Solar-Charakteren vor fünf übereinander gelegten Bildern, die Szenen oder andere Personen zeigen. Diese Bilder finden sich auch im Buch selbst. Die Rückseite setzt dieses Motto mit andern Motiven fort. Dabei stehen hier die Abyssals als böse Konterparts im Mittelpunkt. Zusammen mit der Vollfarbigkeit im Innenteil wirkt dies stimmiger als die schwarzweißen, teils kontrastlosen Illus der 1. Edition. Kurze Comicsequenzen im Innern sehen ebenfalls schick aus. Die Kopfzeile schmückt die immer gleiche Bilderfolge verkleinerter Illus, die sich in groß verteilt über das Buch finden. Es gibt aber noch Luft nach oben, z.B. bezüglich Licht und Schatten. Gleiches gilt für die Karte, die auf einer Doppelseite hinter dem Titel abgebildet ist. Ihr fehlen ein Maßstab, Fluss- und Gebirgsnamen und viele Ortschaften.

Dies ist mir 4 von 5 Sternen wert.

 

Formalia und Aufbau

Das Buch selbst ist in neun Teile unterteilt, wobei jeder von eingangs erwähnten Comicsequenzen eingeleitet wird. Zudem bilden solche Sequenzen Einstieg und Ausklang des Buchs. Leider erschließt sich für Nicht-Kenner des Spiels mitunter erst nach Lektüre weiterer Abschnitte ihre Bedeutung. Zumindest bei einer davon, die sich nicht auf die Solars, sondern Lunars und deren Ehrenkodex bezieht, dürfte dieser Aha-Moment sogar gänzlich fehlen.

Bei 400 Seiten stellen neun Teile ohne Unterpunkte im Inhaltsverzeichnis zudem nicht immer genug Übersicht zum schnellen Nachschlagen bereit. Die Wahl einiger ungewöhnlicher englischer Wörter für Kapitel – Panoply heißt „schmückende Ausstattung“ und steht für den Ausrüstungs-Teil – verbessert dies nicht. Dafür ist der dreiseitige Index hilfreich. Selbiges gilt leider nicht für die Banner, die jede Textseite zieren. Sie sind zwar unterschiedlich beschriftet, jedoch nur in einer Schrift der Spielwelt. Eine Erläuterung der Zeichen fehlt.

In der elektronischen Fassung werden zwar Verweise im Buch als Verlinkungen dargeboten, jedoch nicht im Index. Hier ist die manuelle Seitenangabe vonnöten. Zudem sind Unter-Kapitel öfters zu lang und ohne weitere Unterteilungen geschrieben. Besonders bei der Welt-Beschreibung manifestiert sich das. Wer im Spiel nach einem bestimmten Ort oder Volk sucht, muss sich erst mal durch einige Absätze lesen, bis er die gewünschte Stelle wieder gefunden hat. Da die Verlinkungen fast nur für Regelteile angelegt wurden, erschwert dies die Übersicht.

Wegen kleiner Schwächen gebe ich nur 3 von 5 Sternen.

 

Texte

Die Welt hat sich gegenüber der 1. Edition nicht verändert, daher verweise ich dazu auf meine Rezension des Grundbuchs der 1. Edition. Die 2. Edition liegt lediglich auf Englisch vor. Und da die Autoren das reichhaltige Vokabular dieser Sprache ausgiebig und in teils blumiger Weise gebrauchen, rate ich ein Wörterbuch an. Große Fehler in Rechtschreibung und Grammatik sind mir mit meinen Englisch-Kenntnissen nicht aufgefallen. Gegenüber der eins wird der Hintergrund in Teilen stärker erläutert. Gleich zu Beginn, nach Klärung von Begrifflichkeiten und Nennung von Inspirationsquellen, folgt der Geschichtsteil. Dieser verrät leider einige Geheimnisse, die kein Durchschnitts-Charakter kennt. Für Spieler bedeutet dies, dass sie ohne Spoilerwarnung zu Beginn mehr wissen, als ihre Figuren. Hier wären Kästchen mit entsprechenden Hinweisen oder eine Verlegung in den Spielleiter-Teil angebracht gewesen.

Zudem verteilen sich einige Spezialthemen auf mehrere Bereiche, z.B. steht das Kästchen zur Blut-Magie nicht im Magie-, sondern Antagonisten-Kapitel. Oder die Krankheiten, die es in selbes Kapitel statt unter Heilung verschlagen hat. Auch leuchtet mir nicht ein, dass acht Seiten über Geld, die Umrechnung von Jade in Jadestreifen und weitere Währungen geschrieben stehen. Bei Exalted werden nicht einzelne Beträge abgerechnet, sondern ein Ressourcen-System mit Punkten. Ein Charakter mit 2 Punkten darin kann beispielsweise beliebig viele Punkt-1-Ressourcen besitzen. Davon abgesehen, sind die Texte stimmungsvoll und kommen meist gleich auf den Punkt.

Trotz Schwächen lasse ich noch 4 Sterne springen.

 

Regeln

Es bleibt bei einem Würfelpool-System, dass gewisse Ähnlichkeiten zu Shadowrun und Co. erkennen lässt. Zwei Bereiche unterliegen größeren Änderungen: Kampf und soziale Interaktion. Im Kampf bildet nicht mehr die Summe aus Eigenschaft, Fertigkeit und Boni oder Mali den Grundwert der Parade, sondern eine Formel nach einigen Charakteristika des Helden. Leider steht deren Formel nicht auf dem lediglich einseitigen, beiliegendem Blanko-Heldenbogen. Jede Aktion hat jetzt eine bestimmte Zeitspanne, die sie andauert. Da sich im Buch keine Übersicht findet, wo zu ersehen wäre, wer wann dran ist, wird die Übersicht erschwert. Mir gefällt dieses System nicht – es erscheint mir zu kompliziert.

Leider muss ich dieselbe Schlussfolgerung auch im Bezug auf den „sozialen Kampf“ ziehen, der jetzt die soziale Interaktion abbildet. Ich stelle es mir schwierig vor, solche Prozesse rein über Proben abzuhandeln. Dazu folgendes, fiktives Beispiel: Die Gruppe hat mehrere Zeugen und die Korrespondenz des Premier-Ministers gesammelt und konfrontiert diesen nun vor dem König damit, dass er einen Putsch plant. Wenn der Erfolg der Gruppe einzig und allein davon abhängt, ob ihr bester Sprecher mehr Erfolge erzielt als der Premier-Minister, macht dies für mich einen guten Teil der Interaktion und voran gegangenen Mühen kaputt.

Einige kleinere Änderungen fallen dem gegenüber kaum ins Gewicht. So gibt es jetzt einige Charismen – übernatürliche Kräfte – mehr. Außerdem wurden die Spezialkräfte der andern Exalted dahingehend angepasst, dass jetzt alle zusätzliche Würfel dazukaufen, statt z.B. Nicht-Erfolge neu zu würfeln. Wie in der 1. Edition, bildet auch das 2. Grundregelwerk jedoch nur einige Grundlagen ab, damit der Spielleiter seiner Truppe an Solars auch mal andere Hohe entgegen stellen kann. Die Tiere sind dafür, zumindest nach den Lebenspunkten, weniger geeignet. Ein Mammut hat beispielsweise gerade drei Lebenspunkte mehr als ein Mensch. Und seine „Rüstung“ ist auch nicht überragend, dafür der Schaden wenigstens ordentlich.

Ansonsten hat sich an den Regeln wenig getan. Es gibt weiterhin einige komplizierte Mechanismen. Dazu zählen die vier Tugenden, von denen die Höchste einen negativen Effekt auslöst, wenn zu oft gegen sie verstoßen wird. Deis geschieht jedoch erst, wenn die entsprechende Leiste voll ist. Außerdem fehlen Archetypen. Und weiterhin ist manches Charisma eher überflüssig und wird nur gekauft, um höhere Charismen zu erreichen. Bei einem Erzähl-Rollenspiel, dass einige Seiten aufbringt, um Spielern und Meistern Tipps zur Darstellung an die Hand zu geben, ist dies schade.

Aufgrund dieser Punkte bleiben 3 Sterne.

 

Fazit

Die 2. Edition lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits ist sie optisch wesentlich ansprechender als die 1. Edition. Andererseits sind einige Regel-Änderungen, lange Texte ohne Unterteilungen und der nach wie vor etwas hohe Anteil komplizierter Mechanismen Elemente, auf die ich lieber verzichte. Tipp: Hausregeln machen das Leben leichter. Wenn die kommende, 3. Edition wieder einfacher wird, aber weiter so gut aussieht, wird sie auf jeden Fall einen Blick wert sein. Ich empfehle, auf diese zu warten.

Unterm Strich bleiben 14 von 13 Sternen – ein respektables Ergebnis.

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