Sternenwanderer

Roman-Rezension: Im Schatten der Dornrose

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Das Cover passt sehr gut zum Roman.

Aventurien als Hauptkontinent von DSA hat in den letzten Jahrzehnten einiges durchgemacht. Doch Borbarads Invasion und die ihr nachfolgenden Heptarchien sind inzwischen größtenteils untergegangen. Wer sich ein Bild von der Herrschaft der Paktierer machen will, kann zur alten Regionalspielhilfe Die Schattenlande oder einem passenden Roman greifen. Einer davon ist Im Schatten der Dornrose, der im untergegangenen Oron spielt. Ob sich der Ausflug in die Dunkelheit lohnt, lest ihr jetzt.

Im Schatten der Dornrose

Autor: Bernard Craw

Seiten: 376, davon zwei fürs Personenregister und drei fürs Glossar

Preis: 9 Euro gedruckt, als eBook 7,99

 

Cover und Illus

Auf der Frontseite ist eine der namensgebenden Pflanzen abgebildet. Von einem Stachel tropft Blut. Im Hintergrund liegt ein See samt Schloss und fliegenden Flamingos in der Dämmerung. Die Rückseite ziert ein Teaser samt lila Aventurien-Karte. Das passt sehr gut zum Inhalt und sieht noch dazu schick aus. Eine kleine Karte mit den Handlungsorten hilft bei der Orientierung.

Daher gebe ich 4 Sterne.

 

Aufbau und Texte

Das Buch ist in wenige, recht lange Kapitel unterteilt. Diese bestehen wiederum aus einzelnen Abschnitten. Ich mag es nicht, mitten im Kapitel oder Abschnitt mit dem Lesen aufzuhören. Das ist mir hier aber mehrmals passiert, als mein Zug am Bahnhof ankam. Dafür ist das Glossar am Ende umfangreich und erklärt die zahlreichen Begriffe. Gleiches gilt für das Personen-Register. Dies enthält aber einige Spoiler, sodass hier mit Vorsicht zwischendurch vergessene Namen nachzuschlagen sind. Die Texte sind gut, lange und kurze Sätze wechseln sich ab. Auf Schachtelsätze hat der Autor dankenswerter Weise soweit verzichtet, dass mir keiner negativ im Gedächtnis geblieben ist.

Wegen kleiner Schwächen reicht es nur für 3 Sterne.

 

Handlung

Das kleine Beyronat Gwerrat an der Grenze zwischen Oron und Aranien wird von einem Dschinn beschützt. Als Erbprinz Rengûn ins heiratsfähige Alter kommt, wollen beide Seiten ihn mit einer Vertreterin ihrer Seite verheiraten. Für die oronische Kandidatin wirbt Layla al’Azila um seine Gunst. Mit einigen Mitstreitern bricht er nach Oron auf, um die Sitten und die Bewerberin kennenzulernen. Dabei erlebt die Gruppe das ganze Ausmaß der oronischen Verehrung von Bel’Khelel, der Erzdämonin der Quälerei. Während der Reise stoßen sie immer weiter in die Abgründe niederhöllischer Begierden vor.

Die Gruppe ist dabei ungewöhnlich bunt gemischt. Eine Illusionistin und ein Gaukler stellen nicht gerade übliche Helden dar. So besteht ihre Aufgabe auch nicht darin, die Welt zu retten. Sondern sich zu entscheiden, ob sie den Weg Richtung Verdammnis beschreiten oder sich dieser verweigern. Das unterscheidet sich vom üblichen DSA-Roman, der oft kleine Schicksale mit dem ganz Großen verknüpft. Das der Autor hier anders vorgeht, gefällt sicher nicht jedem. Vor allem fehlt der finale Sieg über die Dunkelheit. Ich finde diesen ungewöhnlichen Ansatz gut. Dabei werden die Figuren – auch die Bösen – als vielschichtig beschrieben. Einzig Azila bleibt mir etwas zu schwarz, da die Motive ihrer Wahl für ihren Weg im Dunkeln liegen.

Da ich den Ansatz frisch finde, springen 4 Sterne heraus.

 

Die Welt

Grüne Wiesen mit einem Dörfchen hier, ein Wälchen mit einer kleinen Ruine und ein paar Goblins dort, alle paar Tagesreisen entfernt eine Kleinstadt mit hübschen Tempeln und vielleicht sogar einer Akademie für Magier, verpackt in rustikaler Bauweise – so dürfte das typische Bild von Aventurien aussehen. Es gibt zwar einige exotische Gegenden, aber die liegen weit entfernt und sind seltener Schauplatz der Handlung. Die Schattenlande hingegen waren ein Ansatz, um bekannte Gebiete vor der Haustür umzuwandeln und die Ideale der Leute zu verzerren. Oron nahm den östlichen Teil von Aranien ein und widmete seine Verehrung der Erzdämonin Bel’Khelel. Oberflächlich war es damit nicht so zerstörerisch wie das Eisreich Glorana oder das von niederhöllischen Stürmen gepeinigte Schwarztobrien.

Das unter dieser hübschen Oberfläche in Wahrheit ein brodelnder Abgrund voller Selbstzerstörung lauerte, bringt der Roman sehr deutlich rüber. Dies tut er nicht durch die Beschreibung jeder sexuellen Handlung im Detail. Aber was er schildert ist dennoch drastisch genug. Wenn ein geflohener Sklave erst von einem Dämon aufgespürt und dann brutal vergewaltigt wird, reicht schon diese Beschreibung, um den Schrecken Orons rüber zu bringen. Der Roman ist somit nicht für jüngere Leser geeignet. Auch DSA-Neulinge sollten nicht mit ihm anfangen, da einige Hintergründe nur angerissen werden. Anreize für eine Kampagne, in deren Verlauf die Spieler so wütend werden, dass sie Oron vernichten wollen, bietet er reichlich.

Da die Gewalt-Andeutungen nie Selbstzweck sind, gebe ich wieder 4 Sterne.

 

Fazit

Unter den DSA-Romanen ist dieser sehr ungewöhnlich. Weder geht es um die Rettung der Welt, noch trägt das Gute am Ende einen entscheidenden Sieg davon. Vielmehr müssen sich die Protagonisten ihren eigenen Abgründen stellen und entscheiden, welchen Weg sie beschreiten. Zudem ist Oron ein sehr finsterer Landstrich. Das diese Finsternis unter der scheinbar heilen Oberfläche liegt, macht diese Erkenntnis noch drastischer. Wer sich sein bieder-romantisches Bild von Aventurien bewahren will, sollte die Finger vom Buch lassen. Ebenso Leser, die es nicht ertragen, wenn das Böse trotz aller Boshaftigkeit weiter existiert. Wer aber sein Gesamtbild von Aventurien erweitern will oder einen ungewöhnlichen, guten Vertreter der DSA-Romane sucht, kann zugreifen.

Die Endwertung steht bei guten 15 von 20 Sternen.

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