Sternenwanderer

Rezension: Space 1889 Der Mars – Mehr als Planetary Romance?

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Planetary Romance ist der Fachbegriff für eine Spielart fantastischer Literatur, in der Protagonisten Planeten besuchen, die starke Anleihen bei nicht-europäischen Erdkulturen haben. Und dort kommen sie in Kontakt mit andersartigen Kulturen mit für Europäer ungewohnten Vorstellungen. Eines der beliebtesten Spielfelder dafür ist der Mars: Relativ nah an der Erde, wirkten seine Gräben auf Astronomen früher wie Wassergräben zur Bewässerung der Landschaft. Und sie träumten dort von einer Welt wie dem Orient.

Der Mars ist auch fester Bestandteil des Rollenspiels Space 1889. Allerdings erscheint die Neuauflage nicht im frühen oder mittleren 20. Jahrhundert, als diese Literaturgattung entstand, sondern in den 2010er Jahren. Da ist es eine Herausforderung, Motive der Planetary Romance mit neueren Vorstellungen von nicht-europäisch geprägten Kulturen und heutigen Erwartungen der Spieler an ein Rollenspiel und einen Hintergrund zu verbinden. Ob der Spagat von den Autoren gemeistert werden konnte, lest ihr jetzt.

Space 1889 – Der Mars

Autoren: Dominic Hladek, Stefan Küppers, Dennis Maciuszek und weitere

Umfang: 218 Seiten (im eBook)

Preis: 34,95 für die gedruckte Ausgabe, 17,99 für das eBook

 

Cover und Illus

Mehrere Gestalten mit modernen Schusswaffen stehen inmitten einer öden Felslandschaft. Im Hintergrund sind graue Türmchen wie von Schachfiguren zu erkennen, am Himmel die stählernen Flugschiffe, die es bei Space 1889 gibt. Das wirkt bis auf die Flugschiffe etwas generisch und fällt auch nicht so detailreich aus wie beispielsweise beim Coverbild für die Venus.

Schön: Der Geschichtsteil vergleicht die marsianische Entwicklung mit jener der Erde (in den grauen Kästen).

Im Innenteil finden sich schwarzweiße Bilder. Deren Qualität schwankt zwischen okay und gut. Die Anzahl ist okay. Kleine Kartenausschnitte bei den einzelnen Regionen und Stadtpläne erleichtern den Überblick. Gleiches gilt für zwei Übersichtskarten, die im PDF an den Anfang des Dokuments gestellt wurden. Auf einer sind politische Einflussgebiete und auf der anderen Rohstoffe und Sprachgebiete abgebildet. Leider sind die Karten nicht nochmal gesammelt an einer Stelle vertreten.

Wegen des schwachen Covers gebe ich 3 Sterne.

 

Texte und Aufbau

Das einseitige Inhaltsverzeichnis fällt mir etwas knapp aus. Dafür weist der Index siebeneinhalb Seiten auf. Er und das Inhaltsverzeichnis sind beide im eBook verlinkt. Die einzelnen Kapitel sind nicht nur übersichtlich unterteilt, sondern haben auch Seitenreiter an den Seitenrändern. Die Texte sind gut geschrieben und zu lesen.

Der übersichtliche Aufbau erhält 4 Sterne.

 

Hintergrund

Der größte Teil des Buches widmet sich den einzelnen Regionen des Planeten Mars mitsamt seiner Bewohner. Zunächst beginnt dieser mit einem Überblick über den Himmelskörper und seine Geschichte. So hatten die Marsianer schon vor 20.000 Jahren eine Hochkultur, die selbst das heutige Niveau der Erde noch übertrifft. Da das Wasser allerdings zunehmend an den Polkappen gebunden wurde, trockneten sogar die Meeresbecken aus und hinterließen trockene Tiefländer, Ebenen und Hochgebirge.

Die Kanalbauer vereinten daher die Völker des Mars, um ein planetenweites Bewässerungssystem zu errichten. Dabei ist schon ein einzelner Kanal anderthalb Kilometer lang und 30 Meter tief. Möglich wurden die Bauten durch den Einsatz der gesamten Arbeitskraft der Marsianer und ihrer damals fortschrittlichen Kristall-Technologie. Damit schmolzen sie die Kanäle regelrecht in den Boden.

Leider währte diese Ära nicht ewig, und durch mehrere verheerende Weltkriege ging viel Wissen wieder verloren. Um 3.000 vor Christus gelang es dann Seldon II., wieder ein planetenweites Imperium zu errichten. In dieser legendären Zeit wurde einiges Wissen zurück erlangt. Um Christi Geburt ging aber auch sein Imperium unter. Seither gab es zwar neben zahlreichen Stadtstaaten auch größere Reiche, aber keine neue Planeteneinheit. Die Ankunft der Menschen, die 20 Jahre vor dem Zeitpunkt der Beschreibung stattfand, brachte einige Dinge ins Rollen.

So sind die Menschen heute den meist auf dem Stand der Renaissance befindlichen Marsreichen technisch überlegen. Dennoch gibt es immer noch einzelne Artefakte wie Kristallwaffen oder Roboter, die als Einzelstücke weiterhin den irdischen Technikstand übertreffen. Gleichzeitig hält der Planet auch einige interessante Ressourcen bereit. So ist K’Chemmu ein Rohstoff für ein besonders widerstandsfähiges Gummi. Leider verursacht die Ernte bei Marsianern erhebliche Verletzungen. Das schert den belgischen König Leopold II., der eine Privatkolonie zur Gewinnung von K’Chemmu auf dem Planeten besitzt, aber nicht.

Zudem prägt die Rivalität zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem britischen Empire die Aktionen der Großmächte erheblich. Zugleich müssen die Briten einen Kolonialkrieg gegen das Oenotrische Reich fechten. Damit spiegelt sich die echte Kolonialgeschichte auch auf dem roten Planeten.

Das Oenotrische Reich ist ein Marsstaat mit Erneuerungs-Bestrebungen.

Der Mars ist in der Gegenwart des Buches ein größtenteils trockenes Land, wo Leben nur dank der alten Kanäle noch möglich ist. Überreste versteinerter Korallen und zahlreiche, flugfähige Tiere sind in dieser Einöde zu finden. Daneben bestehen marsianische Reiche vor allem entlang der Kanäle. Die Spannweite reicht dabei vom Oenotrischen Reich, dass durch die Wiederentdeckung alter Relikte die Zukunft in seine Hände nehmen will, über das Tossianische Kaiserreich mit seiner erstarrten Bürokratie-Gesellschaft bis zu den Totenfluss-Städten. Dort greift eine beispiellose Dekadenz um sich, die auch mit einem entsprechenden Bild greifbar gemacht wird. Erstaunlich finde ich, dass der Zeichner es geschafft hat, diese Thematik in einem jugendfreien Buch darzustellen.

Durch die Ebenen ziehen größtenteils nomadische Hügelmarsianer, die den Ureinwohnern der amerikanischen Prärie ähneln. Und die Gebirge sind Heimat der brutalen Hochlandmarsianer, die Sklaven zu allen Arbeiten zwingen. Anleihen zum Orient des 19. Jahrhunderts und außereuropäischen Kulturen finden sich zudem in der langen, politischen Stagnation, einer wohlhabende bis teilweise dekadenten Oberschicht und den Überreste uralter, mysteriöser Kulturen. Um neben der klassischen Planetary Romance auch andere Spielarten zu unterstützen, gibt es verschiedene Vorschläge im Buch.

Wenn es an der Vielfalt an Regionen etwas auszusetzen gibt, dann das es beim Lesen manchmal vornüber fällt, dass sie nicht auf der Erde liegen. Es hätte an einigen Stellen sicher Platz für (weitere) Überraschungen und Alleinstellungsmerkmale gegeben. Auch der Untergrund bleibt relativ frei von offiziellen Überresten der antiken Marszivilisationen. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau, schafft die Beschreibung doch gut den Spagat, einerseits Hintergrund zum Spielen zu schaffen, und andererseits weiße Flecken zum Selbstgestalten übrig zu lassen.

Der Hintergrund holt wieder 4 Sterne raus.

 

Regeln und Archetypen

Ein kleinerer Teil des Buchumfangs entfällt auf neue Regeln und Archetypen. Dazu gehören neue Waffen, wie die (wenn voll aufgeladen) mächtigen Kristallwaffen, oder Flugrucksäcke. Für fliegende Wesen gibt es Ergänzungen wie das Talent Fliegend. Von den acht Archetypen sind nur zwei Menschen und der Rest Marsianer. Neben der gutaussehenden Luftpiratin wirkt der Mathematische Mönch durch seine Ausrichtung auf mathematische Geheimnisse gleich eine ganze Ecke ungewöhnlicher. Der Kaltlandbarbar könnte dagegen ein verschollener Bruder von Conan sein – dank Schnurrbart sogar noch aus den 80er Jahren.

Sowohl die neuen Ausrüstungsstücke als auch Regeln und Archetypen machen einen guten Eindruck. Zudem decken sie zahlreiche Spielstile ab, sodass für viele Spieler passende Figuren dabei sein sollten. Das einige Konzepte der Archetypen anderen Archetypen aus anderen Space 1889 Büchern ähneln, kann ich bei deren Vielzahl Archetypen verschmerzen.

So sind wieder 4 Sterne angemessen.

 

Fazit

Um meine eingangs aufgeworfene Frage aufzugreifen: Das Buch schafft es gut, seine Vorbilder nachzuahmen, ohne dabei in altmodische Überlegenheit-Fantasien weißer Menschen zu verfallen. Die Menschen haben Glück, die Marsianer eher am Ende ihrer technischen Entwicklung als Mittendrin anzutreffen. Zudem werden die marsianischen Kulturen mit großer Bandbreite vorgestellt. Neben „edlen Wilden“ und „Barbaren“ bieten die Städte besonders gute Gelegenheiten, den Hintergrund vielschichtig darzustellen. Für Spieler von Space 1889 lohnt der Ausflug auf den roten Planeten damit auf jeden Fall.

Mit 15 von 20 Sternen schneidet der Marsband gut ab.

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