Rezension: Wege der Vereinigungen – Sex in Aventurien

Gestartet als Aprilscherz, wurde das DSA-Buch „Wege der Vereinigungen“ über Sex (und etwas Liebe) in Aventurien sehr erfolgreich dank Kickstarter und zahlreicher Fans dieses Jahr realisiert. Auch ich habe ein paar Euro in die Kampagne gesteckt, das Buch Anfang Juni erhalten und jetzt durch. Wie weit das Werk in die Tiefe eindringt, lest ihr jetzt.

 

Wege der Vereinigungen

Autoren: Nathan Fürstenberg, Sascha Müller, Alex Spohr und weitere

Seitenzahl: 241

Preis: noch nicht im Handel, sondern für Backer, die die Kampagne gesponsert haben

 

Cover und Illus

DSA war zwar nie direkt prüde, jedoch immer jugendfrei. Das ist bei Wege der Vereinigungen anders. Schon das Cover mit einer nackte Frau (einer Rahja-Geweihten), die von einem ebenfalls unbekleideten Liebhaber gehalten wird, verdeutlicht dies. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass der Leser ein Zuschauer sei, dessen Anwesenheit von der Frau wahrgenommen und geduldet wird. Das passt gut zum Thema.

Im Inneren finden sich überwiegend neue, farbige Bilder. Die Qualität der Bilder ist hoch, und es gibt viele. Einige davon sind explizit in der Darstellung zumindest weiblicher Geschlechtsteile, sodass hier endgültig FSK 18 gilt. Das ist sicher Geschmackssache, mich stört es angesichts der Thematik nicht. Die Penetration wird nicht dargestellt.

Mich stören zwei Kleinigkeiten ein wenig. Zum einen sind Männer nicht komplett unbekleidet zu sehen. Ich habe zwar keine Vorliebe für mein Geschlecht, aber das ist ein kleiner Rückschlag für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Abbildung. Außerdem entsprechen die abgebildeten Personen fast immer unserem Schönheitsideal. Das viele Tulamiden zum Beispiel eher beleibte Frauen anziehend finden und nicht jeder Mann als 1,8 Meter großer Muskelprotz und nicht jede Frau als großbrüstige, einen schlanken Bauch aufweisende Person durch die Gegend streift, spiegelt sich nur in wenigen Ausnahmen.

Kleine Schwächen sorgen für eine Wertung von 4 von 5 Sternen.

 

Aufbau und Texte

Bei 240 Seiten fällt ein anderthalb seitiges Inhaltsverzeichnis etwas knapp aus. Der Index schafft es dafür auf vier Seiten. Leider sind beide im eBook nicht verlinkt. Auch Seitenreiter fehlen. Dafür sind die Texte gut unterteilt, mit den gewohnten Kästen für Spezialthemen und Übersichten beispielsweise der neuen Zaubersprüche. Schade ist, dass letztere es nicht nochmal in die Übersichten im Anhang geschafft haben. Grobe Rechtschreibfehler sind mir nicht aufgefallen. Zahlreiche Kommentare, geschrieben aus der Sicht der ikonischen Charaktere, lockern die Texte auf.

Wegen kleiner Fehler springt wieder eine 4 heraus.

 

Hintergrund

Gut die Hälfte des Buchs widmet sich der Frage, wie es in Aventurien mit dem Sex steht. Die meisten Kulturen sind hier recht liberal, was gleichgeschlechtliche Liebe, Verkehr vor der Ehe und Masturbation betrifft. In Ländern wie Aranien, dem Horasreich und im tiefen Süden ist der Besuch von Orgien – nach Einladung dazu – und Bordellen weit verbreitet und nicht verpönt. Ein Beispielbordell und Texte zur Prostitution geben einen Einblick in dieses Metier. Allgemein gilt Gleichberechtigung auch in Liebesdingen, sodass auch Frauen Bordelle aufsuchen können. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Kalifat, wo sowohl die Aufklärung als auch erlaubten Praktiken überschaubar ausfallen. Dafür halten sich reiche Novadi-Männer – und andere Tulamiden – gern bewachte Harems mit mehreren Ehefrauen.

Haben selten erotische Anwandlungen: Die Zwerge.

Als Al’Anfanisch wird in Aventurien Sadomasochismus bezeichnet. Elfisch hingegen ist ein Synonym für Verkehr unter homosexuellen Männer. Dabei sind Elfen generell sehr neugierig und nicht scheu in Liebesdingen. Zwerge hingegen haben sowohl selten erotische Anwandlungen als auch wenige Frauen, sodass sie weniger mit dieser Thematik anfangen können. Auch für Schamhaarfrisuren gibt es eigene Bezeichnungen. So meint Aranisch rasiert.

Eine Ursache der relativen Freiheit sind die natürlichen und übernatürlichen Verhütungsmöglichkeiten. Am bekanntesten dürfte die Pflanze Rahjalieb sein, die eine Empfängnis zuverlässig verhindert. Die andere die Entscheidung von Generationen von Redakteuren, Aventurien in diesem Punkt liberaler als das historische Vorbild – Europa und den nahen Osten im Mittelalter – zu gestalten (zumindest gegenüber unserem Klischee vom sittsamen Verkehr damals). Dazu gehört auch, dass n DSA Liebesspielzeug hergestellt und käuflich vertrieben wird. Der Begriff „Ingerimms Hammer“ ist ab sofort noch zweideutiger zu sehen. Ebenso gibt es ganz „besonders“ geformte Zauberstäbe.

Etwas schade mag sein, dass sich das Buch auf Anmache und Sex konzentriert. Andere Beziehungsaspekte spielen nur am Rand eine Rolle. Auch allgemeine Themen wie die Geschichte der Liebe werden überschaubar, aber auch übersichtlich abgehandelt. So wurde auch an die Verehrungsform von Rahja gedacht, wo die Göttin neben vier Armen auch ebenso viele Brüste aufweist – und einen Penis.

Die vielfältigen Infos bringen wieder 4 Sterne.

 

Regeln

Gut die andere Hälfte des Buchs erläutert Regeln. Während der einfache Beischlaf über Proben auf Betören (Liebeskünste) abgehandelt wird und das Ergebnis ausweist, wie gut jeder Teilnehmer war, folgt das Liebesspiel komplexeren Regeln. Diese werden in Durchgängen gezählt. Jeder Teilnehmer kann eine Handlung pro Durchgang vollführen, vor allem Verführungshandlungen. Darunter fallen verschiedene Techniken wie Küssen, Vaginalverkehr oder Fesselspiele. Die vorgestellte Bandbreite ist groß und umfasst auch Varianten allein oder mit mehreren Personen, ohne jetzt ins allerletzte Detail zu gehen. Zauber oder Liturgien unterbrechen den Akt, es sei denn, sie sind speziell für das Wirken unter diesen Umständen gedacht.

Neu ist der Zustand Erregung. Der regelt, wie sehr ein Teilnehmer sexuell interessiert ist, und entsteht durch gelungene Verführungshandlungen. Alle drei Durchgänge muss ein Teilnehmer mindestens ein, zwei und schließlich drei Stufen davon aufweisen. Bei vier erreicht er einen Orgasmus. Männer müssen danach auf Selbstbeherrschung würfeln, um weiterhin Handlungen durchführen zu können, für die eine Erektion nötig ist.

Auch Liebe zu Dritt kann mit den neuen Regeln abgehandelt werden.

Je länger ein Teilnehmer durchhält, desto besser der Höhepunkt und damit die Belohnung. Wählbare Belohnungen reichen von einer Erleichterung von eins auf eine Eigenschaft, einer Steigerung in selber Höhe der nächsten Regeneration von LeP, AsP oder KaP oder erhöhter Zeugungs- oder Empfängnisfähigkeit (auch dafür gibt es Regeln) bis zu einer generellen Erleichterung von eins auf alle Fertigkeitsproben für einen Tag.

Ob die Relation zwischen erfolgreichen Durchgängen und Belohnungen angesichts des Regelaufwands und der zu bestehenden Proben angemessen ist, ist sicher Geschmackssache. Das gilt besonders für Orgien, wo nur bestimmte Teilnehmer auf Betören würfeln, und falls die Partner nicht vorher über ihre Vorlieben reden, auch Menschenkenntnis. Die werden dann für alle Partner fällig, mit denen der Charakter schlafen will – also unter Umständen einige.

Ebenfalls im Regelteil findet sich eine Übersicht alter und neuer Professionen, die sich mit Sex und Erotik auseinandersetzen. Die altbekannten Säbeltänzer versuchen, über die Ekstase des Kampfes Rahja nahe zu kommen – und diese auch ihren Gegnern nahe zu bringen. Auch Rahjageweihte gehören schon lange zum Regelkanon.

Neu sind dafür Levthanpriester, die jetzt Karma erhalten und sogar Liturgien wirken können. Erklärt wird das mit dem Sternenfall und dem Anbruch eines neuen Weltzeitalters. Anders als Rahjageweihte streben sie vor allem nach Genuss für sich selbst, wobei die Redaktion klugerweise darauf verzichtet hat, sie wie zu oronischen Zeiten in die Nähe Belkelels zu rücken. Ebenfalls neu sind die Sexualmagier. Diese kümmern sich darum, ihren Kunden übernatürlich Freude zu bereiten oder bestimmte Körperteile zu formen.

Warum es gleich drei verschiedene Zauber braucht, um Brüste, Penisse oder Vaginas zu formen, erscheint mir etwas zu kleinteilig. Ein Zauber wie der Transmutare Körperform mit entsprechenden Varianten hätte hier ausgereicht. Zudem fehlt, wenn die Linie ganz konsequent durchgezogen werden soll, noch ein Zauber für Gesäße.

Eher überflüssig erscheint mir die Tsatura-Anhängerin. Diese raubt nur Männern beim Beischlaf einen Lebenspunkt. Den muss sie aber der Erde opfern und bekommt dafür einen Bonus von 1 auf den Fertigkeitswert eines beliebigen Zaubers für einen Tag. Nicht unbedingt viel, zumal der Mann mit Selbstbeherrschung (wenn auch um zwei erschwert) dagegen würfeln darf. Zudem gibt es schon einen entsprechenden Zauber für diesen Zweck. Daher wirkt eine ganze Tradition, die sich nur in diesem Punkt von den gewöhnlichen Hexen unterscheidet, auf mich überflüssig.

Insgesamt macht der Regelteil einen durchwachsenen Eindruck. Viele Zauber wie Erregung spüren erscheinen mir wenig nützlich, wenn schon Blick in die Gedanken und ähnliche Sprüche existieren. Das gilt auch für die neuen Vor- und Nachteile. Während viele davon sehr speziell sind – und wie stattlicher Penis oder erhöhte Fruchtbarkeit beim Zeugungsakt nur bei Sex eine Rolle spielen -, dürften andere ihren Platz in vielen Runden finden. Besonders die „hypnotischen Brüste“ sind einfach schon wegen des Namens herrlich bescheuert.

Ähnlich verhält es sich bei den Sonderfertigkeiten, die größtenteils bei den Optionalregeln zum Liebesakt zum Einsatz kommen. Immerhin sorgen Keuschheitsübungen dafür, dass auch in Gruppen mit gemischten Interessen Spieler Verführungen besser widerstehen können, wenn sie wollen.

Auch viele der neuen Professionen sind kaum tauglich für den Heldenalltag. Sexualmagier haben von Haus aus wenige Zauber dafür, und warum es jetzt neue Zaubertricks wie „Schamhaarfrisur“ braucht, nachdem es schon einen Trick für das Haupthaar gibt, erschließt sich mir kaum.

Wegen Schwächen gibt es 3 Sterne.

 

Fazit

Obwohl Wege der Vereinigungen ein bisher weniger behandeltes Thema im DSA-Kosmos behandelt, ist es doch ein typisches DSA-Buch wie das Grundregelwerk oder die Aventurische Magie. Das wird bei der Kleinteiligkeit der Regeln deutlich, wie die Unterscheidung zwischen der Frisur des Haupt- und Schamhaares samt jeweils eigener Zaubertricks dafür. Der Hintergrund wurde dafür solide aufbereitet. Ab jetzt kann Sex bei DSA als fester Bestandteil der Welt gesehen werden. Allerdings dürften sich viele Gruppen nicht so intensiv mit dem Thema auseinandersetzen wie der Band. Vielen Spielern ist das Thema unangenehm. Daher sollte vorher gesprochen werden, wie weit die Thematik behandelt wird – und das schreiben auch die Autoren im Buch.

Am Ende steht die Wertung bei 15 von 20 Sternen.

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