2018 im Rückblick – Aufreger und Neuigkeiten der Rollenspiel-Branche

Obwohl die Rollenspiel-Branche mit ihrer Größe eher überschaubar ausfällt, gibt es hier jedes Jahr neue Entwicklungen. In diesem Artikel werfe ich einen Blick zurück auf das vergangene Jahr und lasse nochmal einige der wesentliche Entwicklungen Revue passieren.

White Wolf verliert Eigenständigkeit

Ein Thema mit internationaler Resonanz ist das Ende der Eigenständigkeit von White Wolf. Bekannt ist der Verlag in erster Linie für die Bücher der World of Darkness, darunter Vampire. Rechteinhaber Paradox Interactive entzog seiner Tochterfirma White Wolf die weitere Entwicklung der Reihen. Hintergrund sind kontroverse Setzungen im Hintergrund von Vampire. So wurden die realen Verfolgungen Homosexueller in Tschetschenien dort als Ablenkungsmanöver der herrschenden Vampire dargestellt. Zuvor war im Sommer der Vorwurf laut geworfen, White Wolf wolle gezielt Menschen mit rechter Gesinnung wie Nazis und Alt-Right-Anhänger ansprechen.

Der Verlag, der erst 2015 als Tochterfirma von Paradox neu gegründet worden war, wird jetzt vollständig in die Mutterfirma integriert. Modiphius Entertainment soll das Franchise weiterführen – mit Paradox als oberster Entscheidungsinstanz. Modiphius erweitert sein Portfolio damit, zu dem bisher unter anderem Star Trek Adventures und Mutant: Year Zero angehören.

 

Quo Vadis Myranor, Tharun und Uthuria?

Eher leise als skandalös verlief es hingegen bei einigen kleineren Reihen in der Welt des Schwarzen Auges. Vielen Spielern dürfte gar nicht klar sein, dass diese Welt namens Dere nicht nur aus Aventurien besteht. Neben diesem klassischen Setting gibt es noch weitere Landmassen. Während das Riesland im Osten in den kommenden Jahren von der Redaktion wahrscheinlich nicht angerührt wird, liegt im Westen Myranor. Das legendäre Güldenland, wie Aventurier sagen, wurde Ende der 90er Jahre erstmals als neue Spielwiese beschrieben. Damals standen noch die unausgegorenen Regeln zwischen Edition drei und vier und einige der wohl hässlichsten Bilder der Rollenspielgeschichte einem Erfolg entgegen.

Bevor die Myranor-Lizenz zurück an Ulisses ging, arbeitete der Uhrwerk Verlag schon an der Neuauflage für die fünfte DSA-Edition.

Dank der Pflege von Fans konnte sich Myranor aber vor dem Vergessen retten. Mitte der 2000er Jahre folgte dann nicht nur die regel-technische Umstellung auf die vierte Edition, sondern 2012 mit „Unter dem Sternenpfeiler“ auch einer der besten Quellenbände des Schwarzen Auges in jener Ära. Vorletztes Jahr ging die Lizenz jedoch vom Uhrwerk Verlag, der sich gut ein Jahrzehnt um Myranor kümmerte, zurück an Ulisses. Seither ist es still um den Westkontinent geworden. Wann und ob es weitergeht und ob der Weg der Vereinfachung der Regeln auch Myranor erreicht – das freie Magiesystem ist nach wie vor eher fummelig und einschränkend als einleuchtend – hat Ulisses noch nicht verraten. Ich habe hier und hier schon mal meine Wünsche für das Güldenland ausführlich dargestellt.

Ähnlich steht es bei Tharun. Die Geschichte dahinter: Ende der 80er sollte die von Asien inspirierte Inselwelt, damals im Innern von Dere, sehr erfahrenen Charakteren neue Herausforderungen bieten. Doch auch in diesem Fall enttäuschte der Start. Zum einen war der Umfang des ersten Produkts überschaubar. Zum andern musste die Redaktion für Schmidt Spiele, damals Mitherausgeber von DSA, noch ein Runen-Magiesystem mit Papp-Runensteinen einbauen. Die Steine hatten sich mit ihrem eigentlichen Schmidt-Produkt schlecht verkauft. Auch ein zweites Buch konnte Tharun nicht retten.

Einige Fans blieben jedoch auch in diesem Fall der Reihe treu. Mit Aufkommen des Internets bot sich zudem ab den 2000ern die Möglichkeit, im Internet eigenes Material für Tharun anzubieten und an die Hohlwelt zu erinnern. Schließlich nahm sich Uhrwerk auch dieser Reihe an. So erschienen vor ein paar Jahren ein neuer Hintergrund-, Regel- und Abenteuerband, die gemischte, aber eher positive Reaktionen hervorriefen. Auch diese Lizenz liegt inzwischen bei Ulisses, die Zukunft ist ungewiss.

„Jenseits des Nebelwalds“ beschreibt den Süden Myranors und ist bisher die letzte Publikation zum Kontinent.

Da überrascht es nicht, dass auch die dritte Landmasse, die neben Aventurien beschrieben wurde, einen schwierigen Start hatte. Uthuria liegt südlich von Aventurien, sollte sich an Amerika und Afrika orientieren und ein Setting zur Kolonisierung bieten. Zunächst entwickelte der Prometheus Verlag (früher Savage Worlds) den Hintergrund, doch nach Unstimmigkeiten übernahmen Ulisses selbst. Das Ergebnis in Form von einem kleineren und einem längeren Abenteuer und einer Kampagne konnte offenbar nicht überzeugen. So besteht der Norden des Kontinents fast durchgängig aus Regenwäldern, die das Reisen erschweren. Die unausgegorenen Abenteuer und die gewaltigen Entfernungen – inklusive der Feststellung, dass Uthuria so gar nicht genug Platz auf Dere hätte – sprachen auch nicht gerade für das Südland.

Vermutlich müsste Ulisses hier nicht nur die Regeln auf die fünfte Edition umstellen. Auch der Hintergrund dürfte mehr Diversität benötigen als „unterschiedliche Dschungelstämme, die andere Tabus haben als die aventurischen Waldmenschen“. Warum nicht ein paar Kulturen, die anders als die meisten Aventurier eher verkniffen an Sex herangehen? Das wäre auch ein spannender Bruch mit dem Klischee der „wilden“ schwarzhäutigen Menschen. Oder die Chance, zum Anführer eines Volks aufzusteigen und selbst ein Reich zu gründen? Immerhin ist es Teil der Produktionsgeschichte von DSA, dass andere Landmassen nach ihrer zweiten Reinkarnation besser werden.

 

Die Last mit der Lust

Aufreger Nummer eins für Das Schwarzen Auges war das Werk „Wege der Vereinigungen“. Gestartet als Aprilscherz, entwickelte sich die Idee, über Sex in Aventurien zu schreiben, zu einer ganzen Produktreihe. Nachdem das Crowdfunding sehr erfolgreich wurde, fand das Ergebnis ein gemischtes Echo. Viele bemängelten, dass bestehende Informationen einfach zusammengefasst worden seien.

Auch schienen die Autoren sich nicht ganz sicher zu sein, ob es ein halb ernstes Produkt mit einem Augenzwinkern sein sollte – was zum Beispiel Tabellen zum Auswürfeln der Penisgrößen bei Charakteren nahelegen – oder eine ernst gemeinte Ausarbeitung. Für Letzteres sprechen die für DSA klischeehaft komplexen, glücklicherweise rein optionalen Beischlaf-Regeln.

Stimmige Cover bekamen die Produkte der Reihe Wege der Vereinigungen, hier die beiden Abenteuerbände.

In diesem Zusammenhang kamen auch verschiedene Vorwürfe hoch: Sexismus fanden einige Leser, weil vor allem Frauen mehr oder weniger nackt dargestellt wurden, Männer dagegen kaum. Andere interpretierten Listen wie zu den Penisgrößen als rassistisch, weil Thorwaler (groß und oft blond) oder dunkelhäutige Südaventurien dabei Boni bekamen.

Ich persönlich denke, dass keiner der Vorwürfe in dieser Schwere stimmt. Nach meiner Erfahrung als DSA-Spieler dürften die meisten Spieler Männer sein, die eher an nackten Frauen interessiert sind. Das die Chance vertan wurde, trotzdem eine ausgewogenere Bildermischung einzubringen, enttäuschte mich etwas. Zum anderen gab es Setzungen im Hintergrund, die als einseitig interpretiert werden können, schon immer im Spiel. So sind die Thorwaler ja überwiegend Plünderer. Die positive Darstellung dieser Tatsache wäre für einen Horasier sicher nicht nachvollziehbar. Zudem dürfte jedes Fantasy-Rollenspiel vor Klischees strotzen.

Auch wenn es schmerzlich gewesen sein dürfte, gehe ich davon aus, dass die Redaktion dadurch auch die Chance bekam, noch besser zu werden und daraus zu lernen. Das zweite große DSA-Crowdfunding 2018 zu Havena kam ein paar Monate später zum Beispiel ziemlich gut an.

 

Der Rest

Ebenfalls fortgesetzt wurden die Magiebände mit Teil drei. Dort zeigten sich – für ein Buch der aktuellen Edition eher ungewöhnlich – aber Abstimmungsfehler. Die führten zu Ungereimtheiten und machten somit eine Errata nötig. Ich hoffe, dass bei künftigen Regelbänden wieder etwas stärker auf die Abstimmung einzelner Texte geachtet wird. Ansonsten setzte das Buch die bekannten Stärken und Schwächen seiner Vorgänger fort.

In neue Regionen der Neunten Welt entführt der Reiseführer Fans von Numenera jetzt auch auf Deutsch.

Zudem gab es auch wieder zahlreiche Übersetzungen ins Deutsche, darunter den Reiseführer der Neunten Welt für Numenera. Das bekam dank eines erfolgreichen Kickstarters zudem ein neues, überarbeitetes Grundbuch in Englisch. Shadowrun lebt ebenfalls weiter. Auch setzte Uhrwerk Splittermond mit verschiedenen Büchern fort.

***

Soviel zu den wahrscheinlich wichtigsten Entwicklungen im Rollenspiel-Sektor. Es bleibt spannend, was uns 2019 bringen wird.

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