Review: Nier: Automata – Ein Ende ist erst der Anfang

Es gibt einige große Reihen in der weiten Welt der Videospiele. Assassins Creed zählt dazu, ebenso wie Grand Theft Auto. Weniger bekannt dürfte die Nier-Serie sein. Der bisher letzte Teil erschien vor gut zwei Jahren für die Playstation 4 und den PC und 2018 auf der Xbox One. Warum sich noch heute ein Blick lohnt, lest ihr jetzt.

 

Nier: Automata

Erscheinungsjahr: 2017 für PS 4 und PC, 2018 Xbox One

Studio: Platinum Games

Publisher: Square Enix

Preis: 59,99 Euro auf Steam, sonst unterschiedliche Preise

Die Hauptfiguren und die Landschaft sind trotz überschaubarer Farbpalette stilsicher designt.

 

Grafik

Natürlich ist auch beim Spiel Nier die Grafik das erste Detail, das ins sprichwörtliche Auge fällt. Hier zeichnet sich Nier durch eine überschaubare, aber stilistisch gelungene Farbwahl aus. Schwarz und weiß dominieren bei den spielbaren Figuren, trotzdem lassen sie sich eindeutig unterscheiden. Auch das Gegnerdesign mit seinen runden Formen und den an Rost erinnernden Texturen. ist rasch verinnerlicht. Trotzdem schaffen es die Entwickler, hier immer wieder Abwechslung reinzubringen.

Die Umgebung fällt da ein bisschen zurück. Zwar gibt es teils überwucherte, versunkene oder von Sand begrabene Ruinen zu entdecken. Und auch ein Vergnügungspark voller tanzenden und mit Konfetti um sich schmeißender Roboter steht auf der Besucherliste. Dafür sind die Texturen nur auf mittlerem Qualitätsniveau. Auch die Vegetation und Tierwelt bleibt überschaubar. Wettereffekte beschränken sich auf etwas Wind, der ein paar Planen oder Efeu leicht hin und her schwenkt. Die Lichteffekte bewegen sich auf demselben Niveau, wobei Funken schlagende Angriffe und dergleichen die nötige Wucht in Kämpfe bringen.

Dafür wirken die Animationen butterweich – außer bei etwas schwächerer Hardware in hektischen Situationen. Dann kommt die Darstellung zwar etwas ins Straucheln, doch an einen Absturz wegen Überlastung kann ich mich in etwa 50 Stunden mit dem Spiel nicht erinnern.

Etwas seltsam mutet die knappe Bekleidung vieler weiblicher Spielfiguren an. So gibt es fast unvermeidlich immer wieder Ausblicke auf Höschen. Da die Frauen aber gleichzeitig sehr stark auftreten, fiel mir dieses Detail nicht groß ins Gewicht. Der Wechsel zwischen 2D- und 3D-Perspektive, den das Spiel in einigen Abschnitten durchführt, funktioniert sehr flüssig. In zwei Dimensionen spielt es sich an einigen Stellen wegen der näher heran gezoomten Kamera aber etwas unübersichtlicher.

Trotz des sicheren Erscheinungsbildes reicht die 3D-Grafik nur für 3 Sterne.

 

Soundtrack

Während die Grafik einen mittleren Eindruck hinterlässt, kann ich den Soundtrack nur als großartig bezeichnen. Die Sounds sind gut, während die Musik sich von der ersten Sekunde ins Gedächtnis brennt. Rasante Stücke für Kämpfe – besonders gegen Endgegner – sind genauso enthalten wie ruhige oder melancholische Werke. An einigen Stellen werden die Stücke sogar als 16-Bit-Variante wie in einem frühen Videospiel variiert. Damit wird eine starke, emotionale Atmosphäre vermittelt.

Flugpassagen im Raumschiff erinnern an Shoot-´em-ups.

Auch die Sprachausgabe – zumindest in Englisch, zu Japanisch kann ich nichts sagen – ist sehr gut. Die Sprecher verleihen ihren Figuren Persönlichkeit und passen gut. Die Untertitel in Deutsch liefern eine gute Übersetzung, wenn auch nicht jede Feinheit die Sprachbarriere überwindet.

Der erstklassige Soundtrack verdient glatt 5 Sterne.

 

Story und Figuren

Ein weiteres Highlight ist die Story. In der fernen Zukunft leben die letzten Menschen auf dem Mond. Dorthin sind sie geflohen, nachdem Aliens die Erde angegriffen haben. Die Aliens haben eine Armee von Maschinenwesen – Roboter mit runden Köpfen – für ihren Krieg erschaffen. Die Menschen wiederum konstruierten Androiden, um den Krieg für sich zu gewinnen.

Yorha ist die Haupt-Organisation, um die Androiden zu organisieren. Von einer Raumstation im Orbit aus fliegen oder teleportieren sich die Androiden zur Erde. Das am Ende doch wesentlich mehr dahinter steckt, wird zwischendurch zwar angedeutet. Die Wendungen sind trotzdem überraschend, und Fragen zum Menschsein und zur Existenz werden mit einer Lockerheit gestellt, die bei diesen Themen überrascht, aber ganz und gar nicht lächerlich oder überzogen wirkt.

In den Kämpfen geht es auch mal gegen Roboter-Ritter. Auf Roboter-Pferden.

Im Spielverlauf übernimmt der Spieler mehrere Spielfiguren. Nummer eins ist 2B und wird die meiste Zeit von einem Gefährten begleitet. Mit der zweiten Spielfigur wird die Geschichte nach dem vermeintlichen Ende nochmal durchgespielt, aber aus einem anderen Blickwinkel. Zwar sind einige Teile dann neu, jedoch nicht so umfassend, wie die anderen Stellen im ersten Durchlauf. Danach werden die zwei Figuren – später noch eine Dritte – abwechselnd durch die weitere Geschichte gespielt. Erst dann eröffnet sich die ganze Geschichte.

Dabei gibt es einige aufwühlende Wendungen und tragisch-traurige Momente. Vom Ausmaß her können die mit der roten Hochzeit aus Game of Thrones mithalten. Dabei gibt es nur an ein paar Stellen die Möglichkeit, zwischen zwei Handlungen auszuwählen. Das fällt mir aber nicht negativ ins Gewicht, weil die Figuren ans Herz wachsen. So hat 2B einen Operator – eine Kontaktperson auf der Raumstation –, die Blumen von der Erde mag. Sie klagt zwischendurch, dass eine andere Figur ihre Annäherung abgeschmettert hat. Der Operator der zweiten Spielfigur wirkt dagegen kalt. Doch nach einer Nebenmission deutet sie an, dass sie gern eine Familie hätte – vielleicht mit der Figur, die sie betreut.

Solche Entscheidungen gibt es nur selten zu treffen: Soll der freundliche Roboter Pascal sterben?

Lediglich ein paar Nebenfiguren, die später in der Geschichte kurz eine wichtige Rolle einnehmen, und die dritte Spielfigur bleiben etwas blass. Das liegt auch daran, dass ihre Vorgeschichte nur in Textform erzählt wird. Da wurde klar eine Chance vertan.

Am Ende gibt es für jedes Ende, auch das Scheitern an bestimmten Stellen, neue Buchstaben im Spielstand. Jeder Buchstabe im Alphabet soll vertreten sein. Dabei sind die meisten kleinere Enden: Für den Tod beim Spielstart beispielsweise. Dennoch ist die Neugier groß, jeden Buchstaben zu erspielen.

Für die mitreißende Story gibt es 4 Sterne.

 

Gameplay

Spielfigur eins und drei ähneln sich. Beide können zwei Nahkampfwaffen gleichzeitig ausrüsten und damit mächtige Kombo-Angriffe ausführen. Spielfigur drei hat zudem einen Berserker-Modus, der den Schaden der eigenen Angriffe erhöht, dafür aber zugleich stetig eigene Gesundheit verbraucht. Ich habe ihn daher nur einmal benutzt.

Figur zwei verfügt nur über eine Waffe (und eine zweite im zweiten Waffenset), kann sich aber in Gegner hacken. Beim Hacken kommt ein Minispiel zum tragen, dass ein wenig an Geometry Wars erinnert. Das kleine Raumschiff muss dabei so bewegt werden, dass es genug Gegner zerstört, um den Schutzschild der zentralen Kugel zu vernichten. Nur dann kann die Kugel – der Datenkern des Gegners – ebenfalls zerstört werden. Dann explodiert der Feind (stärkere Gegner oder solche in Gruppen), kann übernommen oder als kurzfristiger Verbündeter rekrutiert werden. Wirklich nötig ist die Übernahme nur an einer Stelle, sodass dieses Feature etwas zu kurz kommt. Zudem spielt sich das Minispiel am PC ein wenig fummelig. Das nervt besonders an zwei Stellen, wo das Hacking-Spiel zwingend und die Zeitlimits bei einer davon besonders knapp ausfallen.

Das fummelige Hacking-Minispiel macht weniger Spaß als die Kämpfe.

Fummelig ist auch die Steuerung des Raumschiff. An mehreren Stellen wechselt das Spiel in einen 2D-Shoot-‚em-up Modus (wie bei R-Type) oder gar Mech-Kampfanzug, der in alle 2D-Richtungen um sich schießen kann. Im Mech ist genaues Zielen mit Maus und Tastatur schwierig. Auch die Standard-Tastenbelegung mit dem Schießen-Befehl für die kleine Drone, die die Spielfiguren begleitet, ist auf der rechten Shift-Taste zwischen der Maus und den WASD-Tasten unglücklich gewählt.

Ebenfalls unglücklich ist, dass erst das Mausrad nach unten bewegt werden muss, um die Schnell-Itemauswahl zu aktivieren. Dann noch E (für benutzen) drücken oder mit der Haus hoch und runter scrollen zum Auswählen ist nicht so elegant. Zumal Mausrad nach oben auch einen Wechsel des Waffensets bewirkt. Ich habe daher aus der Schnellauswahl fast ausschließlich die immer gleichen Heil-Items ausgewählt.

Ansonsten funktioniert die Steuerung – Bewegung per WASD, Ausweichen oder Dash in die entsprechende Richtung mit Doppeldruck auf die jeweilige Richtungstaste, Maus zum Umsehen, leichte und schwere Angriffe oder Start des Hackens – aber gut. Vor allem die pfeilschnellen Bewegungen machen Spaß.

Vom Schwierigkeitsgrad ist Nier moderat. Das Spiel verzeiht, wenn ab und zu zu spät oder gar nicht ausgewichen wird. Auch das perfekte Meistern des Kombo-Systems – linke Maustaste für leichte Angriffe, rechte für schwere – ist nicht gefordert. Rechtzeitiges Heilen kann auch über Chips eingestellt werden. Mit denen lässt sich jede Spielfigur individualisieren, um beispielsweise mehr Nahkampfschaden auszuteilen. Da der Speicherplatz der Androiden begrenzt ist, sollte die Auswahl genau bedacht werden. Lebenskraft für ausgeteilten Schaden oder zerstörte Feinde wiederzubekommen erscheint mir beispielsweise nützlicher, als den Waffenschaden um zwei Prozent zu erhöhen. Charakterwerte steigen ansonsten automatisch mit dem Level.

Auch durch Gänge wird zwischendurch geflogen.

Insgesamt hinterlässt das Gameplay einen guten, zumindest auf dem PC aber ausbaubaren Eindruck. Mit den Raumschiffen ist beispielsweise keine freie Welterkundung möglich. Auch ist es genauso wie der knappe Lebensbalken oder das Zeitlimit beim Hacken nicht ausbaubar. Dafür halten die mittelgroßen Areale zahlreiche kleine Überraschungen bereit. Dazu gehört ein Roboter-Dojo auf einem Hochhaus, wo immer schwerere Kämpfe gegen einen Roboter-Mönch auf mutige Spieler warten.

Neue Gegenstände, mit denen neue Areale wie in einem Metroidvania-Spiel freigeschaltet werden, existieren aber nicht. Auch ein Koop-Modus fehlt, obwohl meist zwei Spielfiguren zusammen durch die Welt laufen. Vielleicht werden diese Punkte mal bei einem möglichen Nachfolger hinzugefügt.

Vor allem die PC-Steuerung sorgt dafür, dass nur 3 Sterne rausspringen.

 

Fazit

Nier ist ein gut designtes Abenteuer mit herausragender Story und einem umwerfenden Soundtrack. Die übrigen Spielelemente sind größtenteils noch gut. Die PC-Portierung leidet unter der stellenweise fummeligen Steuerung. Wer damit leben kann, sollte trotzdem zugreifen. So viele Magic Moments dürfte kein anderes Spiel der letzten Jahre bereithalten. Und wo kann die eigene Spielfigur sich durch das Entfernen ihres Systemchips selbst töten?

Insgesamt staubt Nier Automata bei mir 15 von 20 Sterne ab.

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